Awareness Konzept.


 


 

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Eine Awareness-Struktur will auf Diskriminierung und
Herrschaftsverhältnisse aufmerksam machen und Menschen, die
Grenzüberschreitungen erlebt haben, in ihrem Umgang damit unterstützen.
Die Awarenessgruppe Bremen hat dies in den letzten Jahren auf
Veranstaltungen in und um Bremen gemacht. Aktuell kann und will sie das
allerdings in dieser Form nicht mehr anbieten.
Dafür veröffentlicht sie hier einen Konzeptvorschlag, damit Gruppen und
Veranstalter*innen Awareness selbst organisieren können. Dazu verleiht
sie auch eine Materialtasche, verschickt digitales Infomaterial und
verwaltet zudem einen Mailverteiler, auf dem Menschen für
Awareness-Schichten angefragt werden können.
Wenn ihr Fragen habt, Material zugeschickt oder ausleihen möchtet, auf
den Verteiler aufgenommen werden oder darüber Anfragen verschicken
wollt, nehmt direkt Kontakt mit der (Ex-)Awarenessgruppe auf:
awareness-bremen@riseup.net
Wir wünschen uns einen gemeinschaftlichen, solidarischen Umgang mit
Diskriminierung und Gewalt und hoffen, dass Awareness ein kleines
Puzzleteil auf dem Weg dahin ist.
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Vorschlag für ein Awareness-Konzept
Inhalt:

Einleitung
1. Inhaltliches
2. Praxis / Ausführung
3. Materialsammlung
Einleitung

Awareness (aus dem Englischen = Bewusstsein, Aufmerksamkeit) ist eine Möglichkeit, auf Diskriminierung und Herrschaftsverhältnisse aufmerksam zu machen und Menschen, die Grenzüberschreitungen erlebt haben, in ihrem Umgang damit zu unterstützen. Dieser Konzeptvorschlag richtet sich an Gruppen, die auf ihren Veranstaltungen Awareness anbieten wollen und an Einzelpersonen, die Awareness-Schichten übernehmen möchten.
Wir sind ein Zusammenschluss von Menschen, die in Bremen und im Bremer Umland in den letzten Jahren Awareness als Gruppe in Zusammenarbeit mit Veranstalter*innen und teilweise zusammen mit weiteren Unterstützer*innen angeboten haben. Wir haben viele und häufig auch kurzfristige Anfragen bekommen und konnten dem oft nicht gerecht werden. Auch Veranstalter*innen selbst hatten wenige Kapazitäten und so sind wir an unsere Grenzen als Gruppe gestoßen. Awareness wird in linken/feministischen Kontexten mittlerweile als wichtig und berechtigt empfunden, doch wird diese Aufgabe gerne abgegeben und nicht in die Veranstaltungsorganisation integriert. Wir wollen Awareness nicht (länger) als eine Art Dienstleistung anbieten oder als zuständige Expert*innen angesehen werden. Deswegen möchten wir unsere Erfahrungen verfügbar machen und Diskussionen anregen, damit Awareness innerhalb von Gruppen selbst-organisiert umgesetzt werden kann. Wir haben Awareness bisher vor allem auf Partys gemacht, gelegentlich auch auf Camps und Nachmittagsveranstaltungen. Unser Konzept ist innerhalb der Gruppe entstanden, wir haben es stetig aufgrund der Erfahrungen aus der Praxis weiterentwickelt. Es zeigt unseren gegenwärtigen Diskussionsstand und soll als Vorschlag verstanden werden. Wir finden wichtig, dass das Konzept nicht einfach unhinterfragt übernommen wird, sondern einige Punkte in jeder Gruppe neu besprochen und an die jeweilige Situation angepasst werden.

1. Inhaltliches
Wir wollen Gewalt und Diskriminierung nicht als individuelle Probleme verstehen und Awareness ist für uns ein Versuch, Diskriminierung und Gewalt in konkreten Räumen und Situationen einen gemeinschaftlichen Umgang entgegenzusetzen.

Gewalt liegt unserem Verständnis nach dann vor, wenn über Handlungen oder Strukturen machtvoll und ohne Einverständnis Einfluss auf andere ausgeübt wird und dies zu Schädigungen und/oder Benachteiligungen führt. Gewalt kann damit von konkreten Personen ausgehen (individuelle Gewalt), aber Gewalt gibt es auch ganz ohne, dass sie von konkreten Menschen ausgeübt wird, z.B. dann, wenn Räume oder Strukturen so aussehen, dass sie manchen Menschen die Teilnahme oder den Zugang zu Ressourcen schwerer machen als anderen (strukturelle Gewalt). Gewalt kann sich gegen konkrete Personen richten oder gegen Menschengruppen. Sie kann außerdem verschiedene Formen annehmen: sexualisierte Gewalt (z.B. Grabschen, Vergewaltigung), psychische Gewalt (z.B. Manipulation, Stalking), verbale Gewalt (z.B. Beschimpfen, Beleidigen), körperliche Gewalt (z.B. Schlagen, Festhalten), … Sie kann einmalig auftreten oder im Rahmen länger andauernder Gewaltverhältnisse. Sie kann zwischen Menschen stattfinden, die sich noch nicht kennen oder auch, wenn sie in einem näheren oder nahen Verhältnis zueinander stehen (z.B. Beziehungsgewalt).

Wir sehen Gewalt außerdem als Teil gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse (z.B. Sexismus oder Rassismus), durch die Menschen als ungleichwertig konstruierten Gruppen zugeordnet werden. Diese Zuteilung ist an sich häufig schon gewaltvoll, da sie zwangsweise passiert, und geht – je nach Zuordnung zu der mächtigeren und als ‚höherwertig‘ geltenden oder zu der weniger mächtigen und als ‚minderwertig‘ geltenden Gruppe – mit Privilegien oder Benachteiligungen und Diskriminierungen einher, die uns nicht immer alle bewusst sein müssen und können. So ist jeder Mensch unvermeidlich in diese Verhältnisse verstrickt und kann in mancher Hinsicht Privilegien (z.B. als Mann) und gleichzeitig in anderer Hinsicht Diskriminierungen (z.B. als queere Person) erfahren. Das können wir Menschen nicht ansehen und auch nicht immer davon ausgehen, dass die gesellschaftliche Position in einer individuellen, zwischenmenschlichen Gewaltsituation eine bedeutsame Rolle spielt. Uns ist es aber wichtig mitzudenken, dass sich diese gesellschaftlichen Verhältnisse im Privaten widerspiegeln (z.B. als Abhängigkeitsverhältnisse oder unterschiedlich verteilter Macht und Verletzlichkeit) und, dass sie auch die Möglichkeiten, sich bei Gewalterfahrungen Unterstützung zu holen, entscheidend beeinflussen.

Natürlich kann Awareness diese strukturellen Gewaltverhältnisse nicht auflösen. Jede Gruppe sollte sich daher auch Gedanken darüber machen, inwiefern sie es als ihre Aufgabe sieht, die jeweilige Veranstaltung möglichst diskriminierungsarm zu gestalten – oder inwieweit dies außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches liegt und dafür andere/die Organisator*innen verantwortlich sind. Wenn aber Menschen Unterstützung suchen, weil sie, in dem Kontext, in dem wir als Gruppe aktiv sind, konkrete Situationen als gewaltvoll bzw. grenzüberschreitend erlebt haben, möchten wir sie (diskriminierungssensibel) dabei unterstützen einen Umgang mit der Situation zu finden.
Die Idee von Awareness ist, dass es Gruppen gibt, die Unterstützung für Betroffene1 von Diskriminierung und Gewalt anbieten. An einem konkreten Ort und für einen begrenzten Zeitraum. Awareness kann dabei nur eine „Übergangslösung“ sein, die mit den akuten Auswirkungen von Herrschaftsverhältnissen wie zum Beispiel körperlicher/psychischer/sexualisierter/… Gewalt umgeht. Es bedarf darüber hinaus auch emanzipatorischer Kämpfe, die sich für radikale Veränderungen und konsensorientierte zwischenmenschliche Beziehungen einsetzen und auf eine grundlegend andere Gesellschaft abzielen.

Auf Veranstaltungen bezogen bedeutet das zunächst: Betroffenen Menschen Möglichkeiten anbieten, ihren selbstbestimmten Umgang mit der Situation zu finden und zu überlegen, wie sie gegebenenfalls weiter an der Veranstaltung teilnehmen können. Zu diesen Möglichkeiten kann gehören, jemandem von der Erfahrung zu erzählen, Freund*innen hinzuzuziehen, sich eine Auszeit in einem Rückzugsraum zu nehmen, aufgestaute Emotionen zu kanalisieren, die diskriminierende oder gewaltausübende Person mit ihrem Verhalten zu konfrontieren und/oder, wenn nötig, des Raumes zu verweisen, sich Begleitung für den Weg nach Hause und danach zu organisieren, durch Öffentlichkeit zu sensibilisieren, sich längerfristig Unterstützung z.B. von Beratungsstellen und Bezugspersonen zu holen, u.v.m.
Wir sehen unsere Aufgabe nicht unbedingt darin, erste Hilfe bei Problemen mit Drogen und Alkohol zu leisten oder klassische „Security“-Aufgaben zu übernehmen, wie beispielsweise Prügeleien zu schlichten. Zu unserer Tätigkeit gehört einerseits, Aufmerksamkeit für Grenzüberschreitungen zu schaffen, indem wir uns gemeinsam dagegen positionieren, und andererseits in den Situationen zu handeln, um Betroffene zu unterstützen und gewaltvolle Situationen zu beenden.
Wir respektieren die Definitionsmacht der betroffenen Person, wir stellen also nicht in Frage, dass die Person eine Situation erlebt hat, in der ihre Grenze überschritten wurde. Uns ist dabei bewusst, dass die Wahrnehmung über das Erleben der betroffenen Person nicht von allen geteilt werden muss. Es geht eher darum, eine Handlung als grenzüberschreitend benennen zu können, und nicht darum, die dahinter liegende Motivation zu beurteilen. Wir setzen Definitionsmacht nicht mit Handlungsmacht über andere gleich. Daraus dass jede Person das Recht hat, die eigene Wahrnehmung des Passierten zu benennen, folgt nicht, dass wir es unhinterfragt ihr überlassen wollen, unseren Umgang mit der Situation zu bestimmen. Grundsätzlich sind wir aber parteilich, d.h. wir sind prinzipiell auf der Seite der betroffenen Person und möchten in deren Interesse handeln. Parteilichkeit verstehen wir als innere Haltung, die aus der Auffassung entsteht, dass Unterdrückung und Herrschaft(sformen) strukturell in der Gesellschaft existieren und auch im Zwischenmenschlichen wirken. Dies kann in der Situation eine Rolle spielen, aber nicht zwangsläufig sind betroffene Personen immer auch marginalisiert.

Wir glauben, dass die Betroffenen am besten wissen, was sie brauchen und wollen sie dabei unterstützen, solange unsere eigenen Grenzen gewahrt sind. Das kann zum Beispiel heißen, dass wir einen Wunsch mit umsetzen, ohne ihn komplett nachzuvollziehen oder auch, dass wir nicht jedes Bedürfnis erfüllen können/wollen (z.B. Rache). Dies kann je nach Person/Situation unterschiedlich sein (z.B. bei dem Wunsch nach Körperkontakt oder nach Hause begleitet zu werden), es ist also wichtig, sich im Vorfeld über die eigenen Grenzen Gedanken zu machen und darüber in der Gruppe auszutauschen. Insgesamt wollen wir aber nichts machen, ohne es mit der betroffenen Person abzuklären.

Wir verstehen Awareness nicht als eine Form der Mediation zwischen zwei Konfliktparteien (außer das ist von beiden Seiten erwünscht). Der Vorfall soll weder objektiv bewertbar sein müssen, noch soll eine Sanktionierung nach vorgegebenen Regeln erfolgen, wie es beispielsweise im Justizsystem üblich ist. Vielmehr soll es überhaupt keine Sanktionierung geben, sondern solidarisch nach Lösungen gesucht werden, wie es der betroffenen Person besser gehen kann, bzw. diese trotzdem noch an der Veranstaltung teilnehmen kann. Zudem muss auch bedacht werden, dass es nicht immer klar definierbare Täter*innen oder ausübende Personen gibt. Eine Person kann beispielsweise auch durch ein Lied, ein Parfüm, oder ähnliches an schlechte Erfahrungen erinnert werden und Unterstützung benötigen.
Awareness ist immer nur ein Versuch mit den Verhältnissen in dieser Gesellschaft umzugehen. Das Konzept ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen (Formen von Gewalt, Arten von Diskriminierung) und eine gewisse Sensibilität für die Bedürfnisse und Perspektiven anderer Menschen. Es ist ein Anhaltspunkt und soll Sicherheit im Umgang mit Übergriffen und diskriminierenden Vorfällen bieten, aber gleichzeitig nicht als starres Regelwerk verstanden oder unverhältnismäßig ausgelegt werden. Wir wollen keine Stigmatisierung als ewige „Täter*innen“ begünstigen, oder Menschen verurteilen, sondern ihre Handlungen kritisieren. Wir wünschen uns einen konstruktiven Umgang mit Fehlern und Offenheit für Kritik.

Einige Fragen solltet ihr euch immer wieder stellen, abschließend geklärt werden können sie sicher nicht: Wie weit kann der Betroffenenbegriff ausgeweitet werden? Wie schwerwiegend muss ein Übergriff sein, um welchen Umgang damit zu rechtfertigen? Wie können wir langfristigen sozialen Ausschluss verhindern? Wann handle ich voreingenommen durch gesellschaftliche Bilder von „Opfern“ und „Täter*innen“? Wann richtet sich mein Umgang mit einer Situation nach einer Bestrafungslogik? Wann und wie wird das Konzept instrumentalisiert, um die eigene Macht oder Position zu sichern?

Auch in den einzelnen Situationen ist es wichtig, die Grundsätze und Folgen eures Handelns zu reflektieren.

  1. Praxis / Ausführung

Vor der Veranstaltung gibt es einige Sachen zu bedenken. Es kann sinnvoll sein, anzukündigen, dass es dort Awareness gibt, da sich manche Menschen damit sicherer fühlen und vielleicht eher zu Veranstaltungen kommen. Im Vorfeld sollten außerdem ggf. mit der Orga und den Securitys Absprachen getroffen werden, zum Beispiel welcher Raum genutzt werden kann, wie zwischen den verschiedenen Gruppen kommuniziert wird (bspw. ob es Handyempfang gibt, oder Walkie Talkies gebraucht werden) oder wie die Rollenverteilung im Fall eines Ausschlusses ist.

Auch das Awarenessteam sollte ein Vortreffen machen, um sich inhaltlich zu verständigen und zu klären, wer welche Aufgaben übernehmen kann (z.B. Übersetzung, Kommunikation mit übergriffigen Personen2, Rausschmiss, etc.), wo die jeweiligen Grenzen liegen (z.B.: Umgang mit aggressiven oder alkoholisierten Personen, …) und wie lange welche Personen an dem Tag/Abend teil des Awarenessteams sein können.

Auf der Veranstaltung muss erkennbar sein, dass es Awareness gibt und wie das Team erreichbar ist, beispielsweise durch Plakate, Flyer am Eingang oder ein Schild zum Rückzugsraum. Inzwischen haben wir einige Vorlagen zu Plakaten (z.B. zu „Nein heißt Nein!“), Handzettel und Ankündigung über Awareness gesammelt, die gerne übernommen oder als Vorlage benutzt werden können (siehe Anhang).
Der Rückzugsraum befindet sich am besten in der Nähe der Veranstaltungsräume, allerdings außer Hörweite. Er sollte gemütlich gestaltet sein und Möglichkeiten bieten für verschiedene Umgangsweisen mit Grenzüberschreitungen (z.B. Snacks, falls Menschen im Unterzucker sind; Taschentücher, falls welche weinen; Pratze zum Draufschlagen; Tee und Wasser zur Beruhigung; Papier zum Dinge aufschreiben; Lesematerial zur Ablenkung; Igelball, um den eigenen Körper zu spüren; Erste-Hilfe-Set, um körperliche Verletzungen zu verarzten; …).

Die Awarenessgruppe muss im Vornherein überlegen, wozu der Raum dienen soll (auch als Auszeitraum für Menschen, die sich ohne konkretes Erleben von Grenzüberschreitungen ausruhen wollen, ob für Aussprachen mit den Täter*innen), wie die Awarenesspersonen erreichbar sind (indem sie sich vor/in dem Raum aufhalten, bei der Veranstaltung sind oder per Telefon kontaktierbar sind, …). Unpraktisch ist zum Beispiel, wenn der Rückzugsraum gleichzeitig ein reiner FrauenLesbenInter*Trans*-Raum sein soll, weil auch Cis3-Männer Diskriminierung und Gewalt erleben (können).
Bei der Veranstaltung kann die Awarenessgruppe sich kennzeichnen (z.B. durch Aufnäher, Knicklicht, A auf der Kleidung), oder über Handy oder an einem Ort erreichbar sein. Am besten teilt sich das Team in Schichten auf, in der jeweils mindestens zwei Personen zusammen sind, damit in konkreten Situationen eine Hauptansprechperson sein kann und die andere weitere Aufgaben übernehmen kann (z.B. jemanden holen, ablösen, Freund*innen anrufen). Bei der Übergabe kann eine kurze Besprechung abgehalten werden. Wenn Vorfälle allerdings nicht relevant für die nächste Schicht sind, ist es besser, die Anonymität der Betroffenen zu wahren. Was weitererzählt wird, sollte auch mit den Betroffenen zuvor besprochen werden. Die Awarenesspersonen sollten während der Veranstaltung drogenfrei bleiben, also keinen Alkohol oder andere Drogen konsumieren, damit sie in schwierigen Situationen überlegt reagieren und betroffene Personen angemessen unterstützen können. Wichtig ist trotz unseres Anspruchs, Menschen zu unterstützen, die grenzüberschreitendes Verhalten erfahren haben, auch auf uns selbst zu achten. Deshalb können auch wir uns jederzeit aus Situationen zurückziehen, eine Pause machen und natürlich auch nach Hause gehen, wenn wir nicht mehr können.
Wenn uns jemand anspricht und unsere Unterstützung sucht, hören wir zu und stellen deren Erleben nicht infrage und lassen uns auch auf keine Diskussion darüber mit der übergriffigen Person ein. Wir erfragen, was die betroffene Person jetzt braucht und wie wir unterstützen können. Wir können zurückhaltende Angebote machen (z.B. ein offenes Ohr, Freund*innen holen, Absprachen mit den übergriffigen Personen treffen, den Rückzugsraum als Ort anbieten). Außerdem können wir auf den Wunsch der betroffenen Person hin der übergriffigen Person klarmachen, was nicht okay war und, dass das nicht mehr vorkommen soll. Wir können bei Aussprachen zwischen der betroffenen und der übergriffigen Person dabei sein. Wir können gewünschte Personen kontaktieren, die vorbeikommen sollen, um die betroffene Person zu unterstützen oder sie abzuholen. Wir können der betroffenen Person ein Taxi rufen. Wir können übergriffige Personen von der Veranstaltung ausschließen. Wir können den Frauennotruf oder Beratungsstellen kontaktieren (auch im Nachhinein). Wir können in medizinischen oder psychischen Notfällen den Krankenwagen rufen (dies kann allerdings eine Zwangseinweisung zur Folge haben).
Gibt es eine akute Gewalt- oder Übergriffsituation, sollte diese als erstes beendet werden. Wenn wir uns nicht ganz sicher sind, unternehmen wir nur nach Rücksprache mit den Betroffenen weitere Schritte. Wir können zum Beispiel fragen: „Ist alles in Ordnung?“, „Ist das gerade okay für dich?“ und anbieten, gemeinsam aus der Situation rauszugehen, sich gemeinsam zu wehren oder anderes.
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Diskriminierung und Gewalt, auch anders als wir es möglicherweise erwarten. Deswegen ist es wichtig, darauf zu achten, was die betroffenen Personen brauchen und wie wir sie unterstützen können und, dass wir keine Entscheidungen ohne sie treffen. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass sie von Menschen mit ähnlichen Diskriminierungs- oder Gewalterfahrungen unterstützt werden wollen, dann soll dies nach Möglichkeit umgesetzt werden.
Awarenessarbeit ist eigentlich auf kurzfristige, akute Unterstützung angelegt. Je nach Situation kann aber auch langfristige Unterstützung möglich oder nötig sein. Darüber sollte sich die Gruppe im Vorhinein Gedanken machen: Wollen wir Personen nach Hause begleiten? Zu Beratungsstellen? Zur Polizei, um eine Anzeige aufzugeben? In ein Krankenhaus für eine anonyme Spurensicherung4? Können wir uns regelmäßige Treffen mit der Person vorstellen?
Die hier vorgeschlagenen Ideen sind nur eine Auswahl. Neben staatlicher oder institutioneller Unterstützung gibt es auch Konzepte und selbstorganisierte Gruppen, die versuchen Probleme jenseits von Strafverfolgung, Polizei und Psychiatrie zu lösen (z.B. nach den Konzepten von Community Accountability5/Transformative Justice6).
Manchmal kann man sich in der Situation auch mehr vorstellen oder der Impuls entsteht, mehr zu machen. Man sollte aber trotzdem nur das anbieten, was man auch sicher leisten kann (worüber man sich meist davor Gedanken gemacht hat), damit man später nicht einen Rückzieher machen muss.
In jedem Fall sollte es nach der Veranstaltung eine Nachbesprechung der Awarenessgruppe geben, um sich darüber auszutauschen, wie es allen geht, wie es gelaufen ist, was es evtl. noch zu tun gibt oder nächstes Mal anders sein soll. Auch ein Nachtreffen mit Organisator*innen und anderen Strukturen (Übersetzung, Sicherheit, …) ist möglich, um die Zusammenarbeit zu reflektieren.

In der Nachbereitung soll außerdem überprüft werden, ob noch alles Material da ist und was gegebenenfalls nachgekauft werden muss.

Wir wünschen uns einen gemeinschaftlichen, solidarischen Umgang mit Diskriminierung und Gewalt, dafür sollten alle ein Stück Verantwortung tragen, das gilt im Kontext von Veranstaltungen eben auch für die Organisator*innen und Teilnehmer*innen. Awareness- und Unterstützungsarbeit sind als „Feuerwehr“-Konzepte nur ein kleiner Anstoß für diesen Prozess. Damit können Unterdrückungs- und Gewaltverhältnisse allerdings nicht grundsätzlich beseitigt werden, dafür braucht es eine weitergehende politische Organisierung.

3. Materialsammlung
Aus unserer Praxis haben wir verschiedenes digitales Infomaterial (z.B. eine Beratungsstellenliste für Bremen, Plakate und Vorlagen, Broschüren) und in Bremen eine Materialtasche mit brauchbaren Dingen, um Awareness auf Veranstaltungen zu realisieren. Dieses stellen wir euch gerne zur Verfügung, kontaktiert uns dafür unter awareness-bremen[at]riseup.net.
Wenn ihr interessiert seid, einzelne Awarenessschichten bei Veranstaltungen zu übernehmen oder selbst noch Menschen dafür sucht, haben wir einen Verteiler dafür eingerichtet. Hierfür könnt ihr uns ebenso per Mail anfragen.
Inhalt der Materialtasche:
– Handy und Aufladekabel

– Kiste mit Zines

– zwei Kissen

– zwei Decken

– Stifte und Papier

– Patches und Sicherheitsnadeln

– diverse Tees

– Thermoskanne

– Massagebälle

– Taschentücher

– Knicklichter

– Pratze

– Erste Hilfe Set
– Inhaltliches Paket mit

  • Awarenesskonzepten
  • Liste mit Beratungs- und Anlaufstellen in Bremen
  • Flyer und Plakaten
  • Liste für den Interessiertenverteiler

Bitte die Tasche für höchstens zwei Wochen ausleihen, damit sie andere wieder benutzen können.
Wenn hier aufgelistete Sachen fehlen, kauft sie bitte nach. Bei Fragen meldet euch unter awareness-bremen[at]riseup.net.

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1   Betroffene: Betroffene sind in diesem Kontext Menschen, die Gewalt und/oder Diskriminierung erleben oder erlebt haben. Das kann unabhängig von deren Geschlecht oder anderen Merkmalen sein. Wir verzichten absichtlich auf den Begriff des „Opfers“, weil ihn viele als entmündigend und passiv-machend erleben. Und gerade zu handeln und sich als aktiv und Entscheidungen treffend erleben, kann ein wichtiges Gefühl sein, um mit Situationen der Ohnmacht umzugehen.

2   Übergriffige Person: Der Begriff bezeichnet in diesem Kontext Ausübende von Gewalt und/oder Menschen, die die Grenzen anderer verletzen.

3   Cis: Der Begriff wird benutzt, um Menschen zu bezeichnen, deren Geschlechtsidentität der Kategorie entspricht, die ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde (männlich/weiblich).

4   Anonyme Spurensicherung: Die anonyme Spurensicherung ist ein Verfahren, bei dem Beweismittel für ein Sexualdelikt sichergestellt und anonym aufbewahrt werden, um im Falle eines Gerichtsprozesses später Beweise zur Verfügung zu haben.

5   Community Accountability: Community Accountability (kollektive Verantwortungsübernahme) ist eine auf das soziale Umfeld abzielende Strategie, um Formen von Gewalt innerhalb von Communities zu begegnen, die sich bewusst nicht auf die Polizei oder das Justizsystem bezieht.

6   Transformative Justice: Transformative Justice (transformative Gerechtigkeit) ist ein emanzipatorischer Ansatz gegenüber Gewalt, der darauf abzielt, Sicherheit und Verantwortungsübernahme zu gewährleisten, ohne dabei auf Entfremdung, Bestrafung und staatlicher oder systemischer Gewalt (u.a. Inhaftierung und Überwachung) zu beruhen.

 

 

 

Awarenesskonzept_Bremen.pdf

 

 

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