Lektürekurs: Grundlagentexte der 1. Welle der Frauenbewegung

Wie jedes Semester veranstalten wir vom Autonomen Feminstischen Referat der Universität Bremen einen wöchentlichen Lektürekurs „Texte gegen das Patriarchat“. Im SoSe 2017 werden wir gemeinsam einige Grundlagentexte der Anfänge der Frauenbewegung in Europa lesen. Die Feministische Theorie und Praxis bezieht sich bis heute auf diese Texte. Wir werden uns mit Programm, Zielen und Problemen der ersten organisierten Frauenbewegung befassen – Frauenwahlrecht, Mädchenbildung, Recht auf Erwerbstätigkeit – und dabei immer wieder auf die große Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft zurückkommen. Für Einsteiger*innen sowie Fortgeschrittene eine spannende Lektüre!

 

All Gender welcome!

erstes Treffen: 12.4.17 um 18:30 im Paradox

Bernhardstrasse 21, 28203 Bremen

Reader zur Textgrundlage können gratis im Büro des Autonomen Feministischen Referats abgeholt werden – gibt es aber auch beim ersten Treffen für alle zu haben!

Anmeldung unter: femrefbremen@riseup.net

 

Zur ersten Welle der Frauenbewegung

Eigentlich ist die landläufige Bezeichnung “Welle” für die Frauenbewegung sehr ironisch. Standen die Frauen auf für ihre Rechte, demonstrierten sie für Brot und das Recht auf Bildung, so kämpften sie nicht nur gegen die Spaltung in Arm und Reich, gegen Gewalt und gegen die systematische Ausgrenzung von Frauen von gesellschaftlicher Macht, sondern sie kämpften implizit auch immer gegen das große Argument, mit dem sie auf ihren Platz hinter dem Herd und in der Kinderstube verwiesen wurden: gegen die vermeintliche Natur der Frau – bzw. gegen die Naturalisierung der herrschenden Formen von Weiblichkeit. Vor diesem Hintergrund das Naturphänomen “Welle” als Metapher zu verwenden, zeugt von Humor.

Lange Zeit waren es starke und mutige Frauen, die als Einzelne für ihre Rechte fochten. Die Erste Welle der Frauenbewegung ist die erste kollektive Bewegung von Frauen, die sich mit gemeinsamen Interessen gegen ihre Stellung in der Welt auflehnen. Aus diesen  begründen sich ihre Forderungen: Frauenwahlrecht, Scheidungsrecht, Recht auf Erwerbsarbeit und Mädchenbildung waren die zentralsten Programmpunkte der Frauenbewegung um die Wende vom 19. aufs 20. Jahrhundert. Diese Frauen, die sich organisierten, in den Streit traten und sich selbstständig machten, waren spannende Persönlichkeiten, sie haben die Grenzen der Weiblichkeit ihrer Zeit gesprengt, und damit die Möglichkeiten für nachfolgende Generationen erweitert. Sie haben die herrschende Definition des Menschen als Mann verworfen und sich radikal in Gesellschaft hinein reklamiert. Darin waren die ersten Kämpfe des Feminismus in vielen Teilen der Welt sehr erfolgreich und waren damit die Voraussetzung für die nachfolgende zweite Welle der Frauenbewegung, die an deren Kämpfe anknüpfen konnten und so das Bestreben nach der Emanzipation der Frau, nach dem Sieg gegen den Nationalsozialismus in Europa wieder in eine progressive Richtung zu lenken, und weiter zu tragen.

Die Schriften die sie publiziert haben, die uns überliefert sind, gelten heute als Grundlagentexte der feministischen Theorie und Praxis. In ihnen liegt der Beginn des Prozesses der Veränderung der Welt an dem wir auch heute noch teilhaben. Was waren ihre ersten Versuche? Wie haben sie es geschafft diesen Prozess anzustoßen. Was waren ihre Probleme, ihre Wünsche, ihre Sehnsüchte? So groß die Unterschiede sind zwischen den Problemen der Frauen von damals und den Problemen von FLIT* heute, so finden sich viele Kontinuitäten in den Dimensionen der Auseinandersetzung: Ausschluss und Teilhabe an Gesellschaft, Differenz und Gleichheit zwischen den  Menschen, Klasse, Geschlecht, Ethnie. Auch die konkreten Kernprobleme haben einen roten Faden bis zur Gegenwart: Haus-, Erwerbs-, und Reproduktionsarbeit, soziale Teilhabe bzw. Menschenrechte, Abtreibung, Selbstbestimmung.

Diese Texte sind also nicht veraltet, sie können uns über unsere eigene Geschichte erzählen, über die Tradition in der wir als feministisches Referat notwendig stehen. Wir müssen über diese Bescheid wissen, um zu verstehen wo wir heute stehen, welche Kämpfe wir weiter führen wollen, welche Siege wir schon davongetragen haben, und wo genau die Fehler sind, die nicht wieder begangen werden dürfen. Wir werden uns allen Texten kritisch widmen, einige werden wir verstehen können, viele werden wir gut finden, und einige werden wir lesen um zu wissen, wo der Feminismus an der falschen Ecke abbiegen kann.

Teil dieser Geschichte ist es auch, wie die Frauenbewegung immer wieder um Anerkennung kämpfen musste, das lehrt uns, dass einmal erkämpfte Errungenschaften beständig verteidigt werden müssen. Es lehrt uns, dass es stimmt was De Beauvoir eine Epoche der Frauenbewegung später formuliert hat: “Eine Frau, die nichts fordert, wird beim Wort genommen, sie bekommt nichts” Die erste Welle der Frauenbewegung bekam in einigen Teilen der Welt alle ihre Forderungen erfüllt – wie haben die Frauen das gemacht? Wie haben es die Feministinnen der ersten Stunde geschafft, ihre Themen und Forderungen gesellschaftlich wirksam zu positionieren, Netzwerke aufzubauen, zu Mobilisieren und Aufmerksamkeit in der politischen Öffentlichkeit zu erlangen?

 

Wir werden beginnen mit einer der bemerkenswertesten Frauen, die die Geschichte der französischen Revolution zu bieten hat: Olympe de Gouges. Sie war zu ihren Lebzeiten mit ihren Forderungen eine Einzelkämpferin. Sie insistierte auf die Menschenrechte für Frauen, und weil es sonst niemand machte, verfasste sie eine Menschenrechtserklärung für die Frau – diese werden wir lesen. Am Höhepunkt der Schreckensherrschaft der Jakobiner wurde sie geköpft.

 

Mary Wollstonecraft hat die nachfolgenden Generationen von Frauen fasziniert, wegen ihrer philosophisch- politischen Schriften und wegen ihrer unkonventionellen Art zu leben. Als Autodidaktin aus schlechten Verhältnissen gründet sie mit anderen Frauen in sehr jungen Jahren eine Schule, und wurde Gouvernante. Damit hatte sie als Mitte 20 Jährige alle Berufsmöglichkeiten für eine unverheiratete Frau ausgeschöpft. In dem Text “Verteidigung der Rechte des Weibes” stellt sie das Geschlechterverhältnis zur Diskussion, indem sie die gleichen Rechte für Frauen fordert. Die Frau sei von Natur und Vernunft her zur Freiheit bestimmt, doch der Mann unterdrücke diese. Die Menschheit gelange zur Freiheit und Gleichheit nur durch Erziehung der Menschen zu ihrem Glück. Mary Wollstonecraft gilt als die Begründerin des Liberalen Feminismus angelsächsischer Prägung und wird als Vordenkerin des Differenzfeminismus bezeichnet. In der Politikwissenschaft und Philosophie wird sie weitgehend ignoriert.

 

Luise Otto gilt für die bürgerliche sowie die proletarische Frauenbewegung als Initiatorin und Gründerin der deutschen Frauenbewegung. Sie war bereits zu ihren Lebzeiten eine populäre Schriftstellerin, und Herausgeberin einer Frauenzeitung. Im Vormärz 1848 galt sie als “rote Demokratin”. Sie war Mitbegründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, der ein Netzwerk für die organisierte Frauenbewegung in Deutschland bildete. Wir werden einige Kurzartikel von ihr lesen.

 

Harriet Taylor Mill wird leider oftmals nur in Zusammenhang mit ihrem Ehemann bekannt und benannt, mit welchem sie gemeinsam das Werk “Die Hörigkeit der Frau” verfasste. Dieses sprach sich gegen vermeintlich natürliche Unterschiede der Geschlechter aus und war eine der ersten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen der Unterdrückung der Frau. Unter ihrem alleinigen Namen wurde “The Enfranchisement of Women” veröffentlicht.

 

Diese  vier Texte finden sich nun im folgenden, ersten Teil des Readers zur Ersten Welle der Frauenbewegung. Es werden noch zwei weitere Teile folgen, welche die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung, anarchistischen und radikalen Ideen der Zeit und auch den bereits damals vereinzelt publizierten Kritikerinnen der Bewegung beinhalten. Wir wollen ein breit gefächertes Bild der ersten Welle zeigen, auch die Konflikte, die sich damals bereits innerhalb der Bewegung abzeichneten.

Vieles, was diese Frauen gefordert haben, haben sie in großen Teilen der Welt erreicht, vieles wird aber bis heute von Frauen weltweit gefordert. Können wir uns noch mit diesen Frauen identifizieren? Welche Konflikte erleben wir nach wie vor? Es wird sich zeigen, dass diese Texte nach wie vor von Relevanz für uns sein können.

 

Wir hoffen auf angeregte Diskussionen mit euch und ein spannendes Lesesemester!

 

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